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Ingrid Henjes

Der Vortrag

Im überfüllten Hörsaal
über Papier gebeugt
gespannt lauschende und mitschreibende
Germanisten.
Mit Mühe zwängst du dich auf einen Platz,
der durch Zufall noch frei blieb.
Ohne mitzuschreiben
lauschst du träumerisch
dem musikalischen Tonfall des Professors.
Dein Blick schweift ab zum Abendhimmel,
wo nach langem Regen
die Sonne aus dem Wolken hervortaucht
und über den Bäumen des Schloßgartens steht.
Als die Abendglocken zu läuten beginnen,
sind die letzten Regentropfen auf den roten Häuserdächern
längst getrocknet
und ein letzter Sonnenstrahl
fällt durch die nassen Scheiben. 

 





Ingrid Henjes

Guter Rat

Er sagte zu mir:
Mach doch endlich was!
Laß dir eine neue Frisur machen,
damit du dich selbst nicht wiedererkennst!
Überleg dir ein neues Konzept!
Leg dir meinetwegen
einen neuen Liebhaber zu,
pfleg deine Hobbys,
geh ins Kino,
bloß mach doch endlich was!


Ingrid Henjes

Freudloses Frühstück

Schon wieder sitzt du allein am Frühstückstisch
und stellst lustlos das Radio an.
Mißmutig kaust du auf einem Brötchen herum,
wartest, bis das Kaffeewasser kocht.
Du reibst dir die verquollenen Augen;
der Kater von gestern steckt dir noch in den Gliedern.
Du unterdrückst ein rasches Gähnen und wirfst
einen Blick auf die Uhr:
in drei Minuten fährt der Bus.
In Windeseile einen Schluck Kaffee hinunterschlucken,
die Aktentasche unter den Arm klemmen und die Treppen
hinunterlaufen.
Zurück bleiben:
eine Kaffeemaschine, eine halbvolle Tasse Kaffee,
ein halbes Brötchen und
das ungespülte Geschirr vom Vortag.
Langsam dringt der erste Sonnenstrahl
durch den Nebel.




 

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